Muskelschwund, geheilt

Muskelschwund, geheilt.  Geschichte einer Heilung ……… bloß, wozu?

Über diesen Fall habe ich zwar schon einmal geschrieben, aber es gibt nun eine Fortsetzung, welche ich euch nicht vorenthalten möchte. Es geht dabei um einen jungen Mann aus einem Dorf in der Mitte Rumäniens, der mit 16 Jahren an Muskelschwund erkrankt ist. Als ich bei ihm die Behandlungen begann, war er um die 21. Er konnte weder Hände noch Arme bewegen und auch das rechte Bein war schon von dieser Krankheit befallen. Er schleppte es beim Gehen nach.

Er mußte gefüttert werden, er mußte angezogen werden, seine Mutter mußte ihn waschen, ihm beim Pinkeln helfen und ihm den Hintern abwischen. Die Mutter wurde vom Arzt gefragt, ob sie noch weitere Kinder hätte, denn für diesen Sohn gibt es keine Rettung mehr – er wird sterben.

Adi war dann bei uns 1 Jahr und 2 Monate in Behandlung, bis er komplett geheilt war.

Als die Leute im Dorf sahen, daß er wieder Fahrrad fahren konnte, mit der Sense das Gras mähte – Handsense, keine Motorsense, eh klar -, bei der Maisernte, die ebenfalls händisch gemacht wird, voll dabei und voll einsetzbar war, sprach sich dieses Wunder in der ganzen Gegend schnell rum und wir machten dort in der Gegend oft und viele Behandlungen. Und so bin ich auch jetzt wieder gebeten worden, in einen Nachbarort zu kommen, weil dort ein Mann um die 60 ebenfalls an dieser Krankheit erkrankt ist.

Adi arbeitete nach seiner Heilung auf dem Bau, später dann ging ein ganz großer Wunsch in Erfüllung: Bei Nokia zu arbeiten. Jeder war damals stolz, bei Nokia arbeiten zu dürfen.

Er baute dort Mobiltelephone zusammen, das heißt, auch die Feinmotorik in den Fingern war wieder komplett hergestellt.

Leider aber haben die Leute dort noch nie was von den Subventionsjägern gehört, also jenen Firmen, die sich ihre Standorte erst schwer subventionieren lassen und dann, wenn die Subventionen aufgebraucht sind, ins nächste Land weiterziehen. Nokia hat erst eine Wüste in Deutschland hinterlassen, ist nach Rumänien runter, billigste Arbeitskraft in der EU, Monatseinkommen von ca. 178 € und als die rumänischen Subventionen aufgebracht waren, sind die dann weitergezogen nach Korea oder China. Ist auch egal wohin, sie haben erst einmal auch noch 10 Mio USD Zollschulden hinterlassen.

Gut, ist uns ja wurscht, weil ja nicht Thema dieser Seite.

Adi stand also wieder auf der Straße. Zwar gesund, aber wieder einmal ohne Vision.

Er hat dann bei einer Firma gearbeitet, welche für Frankreich Möbel in der Nähe seines Dorfes produziert, weil sich´s eben dort bei solchen Löhnen so billig produzieren läßt.

Nun hat aber auch diese Firma einen Großteil der Leute entlassen und eben auch den Adi. Sein letzter Arbeitstag war am 5. November.

Am 15. November sitzt Adi mit Freunden in einer Bar in seinem rumänischen Dorf.  Es ist schon Abend und ein paar Burschen wollen wissen, wer von ihnen der Stärkere ist. Sie beginnen mit Arm-Drücken. Adi ist da ziemlich gut und gewinnt gegen einige seiner Gegner. Das beflügelt seinen Ehrgeiz. Ein Sturkopf ist der sowieso. Er drückt und drückt und drückt, will nicht aufgeben, sich nicht geschlagen geben – bis es knackst und sein Oberarmknochen ab ist. Das war am 15. November um 22 Uhr.

3 Km von seinem Dorf entfernt gibt es eine Krankenstation. Dorthin wurde Adi nun gebracht.

Das liest sich recht leicht. In Wirklichkeit muß nun jemand gefunden werden, der ein Auto hat. Und zwar ein Auto, welches anspringt und wo auch zumindest 2 oder 3 Liter Benzin oder Diesel drinnen sind. Alternativ dazu gibt es Pferdefuhrwerke.

Adi kommt zu dieser Krankenstation, seine Mutter ist mit dabei, sie macht sich große Sorgen um ihn. Der Arzt dort schaut sich den Arm an und schickt Adi weiter ins 60 km entfernte Spital nach Targu Mures. Bloß, der Arzt sagt gleich dazu, daß er keinen Rettungswagen hat, der Adi dahin bringen könnte.

Adis Mutter, Letitia, bittet den Mann, der sie nun auf die Krankenstation gebracht hat, sie bis nach Targu Mures zu bringen, was der auch gerne tut, wenn irgendjemand die Spritkosten von ca. 15 € übernimmt. Letitia verspricht ihm das Geld und sie fahren ins Spital nach Targu Mures, wo Adi untersucht und ein Bild vom gebrochenen Oberarmknochen gemacht wird.

Es stellt sich heraus, daß das eine Stück Knochen 1,5 cm neben dem anderen Stück ist und damit man das wieder zusammenbringt, braucht man einen Metallstab und Schrauben, bloß, die gibt es zur Zeit nicht. Außerdem ist auch kein Platz frei zur Zeit.

Adi bekommt den Arm eingegipst und wird nach Hause geschickt, sie sollen sich eine Woche später wieder im Spital melden.

Eine Woche später müssen sie wieder ein Auto auftreiben, 15 € bezahlen und …….. stop:

15 € scheint den meisten von euch nicht viel, klar. Das Familieneinkommen dieser Familie beträgt 250 € im Monat und setzt sich folgendermaßen zusammen:

Letitia, die Mutter, arbeitet als Verkäuferin in einem kleine Lebensmittelladen im Dorf. 6 Tage die Woche, 12 – 13 Stunden täglich, Lohn 520 Lei, ca. 125 €. Das ist kein Schreibfehler, deshalb auch  in Worten. Einhundertfünfundzwanzig

Der Vater arbeitete ebenfalls in dieser Möbelfabrik, die nun Leute entlassen hat. Zur Zeit bekommt er nichts, ab Jänner wahrscheinlich an die 70 € Arbeitslosengeld.

Adi, bekommt zur Zeit nichts und hat auch im Jänner nichts zu erwarten. Er ist zum Glück noch bis zum 5.2.2013 krankenversichert, was aber auch nicht viel hilft, denn…….. siehe Fortsetzung der Geschichte.

Dann gibt es noch den jüngeren Bruder Adis, der hat nun die Schule fertig gemacht und mit großem Glück Arbeit in einer Bar im Dorf bekommen hat. Arbeitszeit von 7 Uhr in der Früh bis um 22, oder 23 Uhr. Sein Monatslohn: Ebenfalls 125 €

Also, die sind nun wieder ins Spital gefahren, es war wieder kein Platz frei, doch der Arzt hat dort einmal die Preise festgesetzt: Für eine Platte, um den Knochen zusammen zu halten 200 €, für den Anästhesisten 35 €, Etc etc etc,  insgesamt 300 € auf die Hand, ohne Quittung.

Und, am Montag, den 3.12. wieder kommen.

Am Montag waren sie wieder dort, erfuhren dann, daß am Donnerstag, den 6.12. die Operation gemacht werden kann. Am Dienstag soll sie sich wieder melden, da erfährt sie dann, wieviel sie noch bezahlen muß.

Ich habe sie am Mittwoch in der Früh im Geschäft besucht – sie hat geheult, weil dieses, ich weiß nicht, darf man das sagen?:  Schwein von einem Arzt noch einmal an die 250 € von ihr herauspreßt.

Ohne Fahrtkosten kostet diese Geschichte nun 550 €. Schwarz in die Hand des Arztes.

Ich habe diese Geschichte einer Frau um die 75 erzählt, welche vor 2 Jahren ebenfalls in diesem Spital operiert wurde. Von ihr wurden damals 2.000 € erpreßt. Bezahlt haben es ihre Kinder, welche damals das Geld hatten.

Eine Tochter dieser Frau hat mir gestern gesagt, daß die offiziellen Kosten der Behandlung damals 1.445 € waren und vollkommen von der Krankenversicherung bezahlt wurden.

Die 2.000 € waren reines Schmiergeld für alle daran Beteiligten, vom Pfleger, Krankenschwester bis rauf zum Arzt.

Das ist die aktuelle Situation in diesem wunderschönen Land, ab den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag wird´s hier wahrscheinlich noch beschissener.

Hier geht´s zur Geschichte Muskelschwund, sehr gute Besserung 

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